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Das Leben mit Bryan

von Steffen Blunk

Ai Weiwei hatte kein Glück. Dem Vernehmen nach wurde er just verhaftet, als er den Flug nach Berlin antreten wollte, um den Kaufvertrag für die Reinbeckhallen zu unterzeichnen. Damals fragte mich ein Kollege aus Schöneweide etwas lapidar, ob denn Ai Weiweis Unglück vielleicht unser Glück sei.

Nun also segnet uns Bryan Adams mit seiner Anwesenheit - oder, wie zu lesen ist, Teilanwesenheit, denn natürlich wird er nicht etwa nach Oberschöneweide oder auch nur nach Berlin ziehen. Sondern sich höchstens mal hier sehen lassen. Denn eigentlich will er ja ein Atelier und eine Fotogalerie für befreundete Künstler einrichten (siehe Berliner Zeitung: bryan-adams-rock-me--oberschoeneweide).

Für mich riecht das weniger nach guter Kunst und Kultur als nach gutem Steuersparmodell. Hallo! Reinbeckhallen? Unentdeckter Berliner Ortsteil? Günstiges Kaufangebot? Bei mir klingelt da was. Endlich steigen auch hier die Aussichten auf steigende Immobilienpreise!

Nun will ich das alles nicht mies reden, soll Bryan Adams doch kommen. Oder seine Freunde. Der Blick auf die immer weiter zerfallenden Hallen ist ja auch nicht gerade schön und wenn da etwas Neues entsteht, dann ist das zunächst ein Grund zur Freude.

Lassen wir auch unsere Angst vor der Gentrifizierungswelle einmal beiseite, selbst eingefleischte Oberschöneweideliebhaber und -verteidiger wie ich können sich nicht vorstellen, dass im Nachzug von Bryan Adams schicke Galerien, noch schickere Coffeeshops und noch viel schickere Edelboutiquen in die Wilhelminenhofstraße ziehen - obwohl: man hat schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen - und wenn irgendwann - 2015? 2020?) erst mal der Flughafen aufmacht, kommen die Sammler ja direkt an Oberschöneweide vorbei ... Also wer weiß, ob ich und meine 399 ortsansässigen Kollegen uns in ein paar Jahren unsere Ateliers noch leisten können oder wir doch ins Brandenburger Umland ziehen müssen. Gefolgt sehr schnell von den Galerien, die dann auch keine Mieten mehr zahlen können. Der Weg von hier nach - sagen wir Kummersdorf ist auch nur ein paar Kilometer weiter, als von der Auguststraße in die Potsdamer!

Davon also abgesehen: was mich und sicherlich auch viele meiner Kollegen erfreut, ist der Satz am Ende des oben erwähnten Artikels: "Wenn jetzt noch hochwertige Kunst hinzukomme, sagt Galerist Pauseback, dann werde Oberschöneweide etwas ganz Besonderes."

Das stimmt uns bei allen genannten Ängsten doch wirklich optimistisch, dass mit Bryan Adams endlich Qualität einziehen wird in unseren Stadtteil - vielleicht färbt diese Qualität ja auch auf unsere eigene Arbeit ab!

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