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Deutsche Bank: was Macht Kunst mit uns?

von Steffen Blunk

Gedanken zu einem beispiellosen Experiment

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Dem Aufruf konnte man nicht entgehen. Im Radio, in Zeitungen, bei Facebook, im Emaileingang – überall fand sich die Aufforderung, sein Meisterwerk in der neuen Kunsthalle der Deutschen Bank zu zeigen. Künstler und Kunstbegeisterte sollten einmal die Chance haben, hier zu hängen. Anonym. Unter Hunderten. 24 Stunden lang. In unserer Ateliergemeinschaft haben wir ausführlich diskutiert, ob wir mitmachen oder nicht. Dafür und Dagegen: Macht man mit Hobbyk

ünstlern und Laien gemeinsame Sache? Ist es gut für die Vita? Oder ist es gar ein Nachteil, weil jeder weiß, was das für eine halbspaßige Veranstaltung gewesen sein wird? Hat man eine Chance, überhaupt wahrgenommen zu werden? Macht man sich lächerlich? Stellt man sich in die Schlange – oder gibt es gar keine?

Am Ende haben wir uns zu viert dafür entschieden. Da wir damit rechneten, dass die Resonanz groß sein würde, wollten wir kurz vor neun Uhr in der Charlottenstraße sein. Zu diesem Zeitpunkt standen dann schon rund 280 Leute vor uns (genauer: ich habe die laufende Nummer 286). Um zehn öffneten sich die Türen, um fast 13.00 Uhr waren wir an der Reihe und konnten wir unsere Arbeiten abgeben.

Wohlgemerkt: uns ging es sehr gut, denn erstens stand der weitaus größere Teil der Schlange hinter uns (zeitweise rund einen Kilometer lang). Zum anderen hatten wir unseren Spaß – zu viert und mit den fremden Leuten um uns herum, denn die Stimmung war überraschend entspannt. Zum dritten sorgte die Deutsche Bank für heißen Kaffee. Dann waren da die Medien, Radio, Zeitungen, Fernsehen. Fotografen, Kamerateams, Journalisten mit Tonbändern und Notizblöckchen. Und zu guter Letzt waren da die Gesichter der Leute, die zu spät kamen und erst nach und nach die Länge der Schlange registrierten. Entgleiste Züge. Irgendwie verging uns die Zeit wie im Fluge.

Warum aber machen wir überhaupt mit? Nun, sicherlich ist da die minimale Chance auf Entdeckung, nach dieser Chance greifen wir Berufskünstler alle in dieser kilometerlangen Schlange. Auch gibt es Preise zu gewinnen, die nicht zu verachten sind. Die Atelierförderung über 500,- Euro im Monat würde manchem Künstler hier sicherlich schlaflose Nächte ersparen – zumindest für ein Jahr. Und eine zweiwöchige Einzelausstellung in dieser KunstHalle könnte tatsächlich ein Karriereschub sein. Ein Grund für mich dabei zu sein: wenn man es nicht probiert, hat man von vornherein keine Chance. Ich glaube an mein Glück, glaube aber auch, dass man ihm manchmal auf die Sprünge helfen muss. Ein wesentlicher Grund jedoch ist die Gemeinschaft. Allein hätte ich mich hier nicht angestellt, es ist einfach ein Spaß mit meinen Atelierkollegen. Und den hatten wir ja tatsächlich.

Dennoch bleibt ein schaler Geschmack. Denn tatsächlich sieht die Schlange aus, wie auf Fotos aus den 20er Jahren, aufgenommen vor einer Suppenküche. Vielleicht könnte man das über jede lange Schlange sagen – aber die Parallelen sind hier doch frappierend. Die meisten Künstler in dieser Schlange stehen hier nicht, weil sie wollen. Sondern weil sie müssen. Klar, für die Hobbykünstler ist es ein reiner Spaß – einmal in einer Kunsthalle hängen! Aber für uns? Die Idee der Deutschen Bank, ihrer KunstHalle soviel Aufmerksamkeit zu besorgen, auch die Idee einer solchen Jedermanns-Ausstellung finde ich ganz gut – dennoch frage ich mich, ob wir Künstler hier nicht – ungewollt sicherlich – vorgeführt werden. Symbolisch ist es allemal: die Kunst ist – wenn wir es unter Managementgesichtspunkten sehen – kein Nachfragemarkt, sondern ein Angebotsmarkt. Wir – die Produzenten – müssen Schlange stehen, nicht die Käufer. Wir ringen um Aufmerksamkeit, um Chancen! Wenn ein Mediamarkt eröffnet, stürmen nicht die Hersteller die Geschäfte, sondern die Käufer.

Und während Berufsverbände darum kämpfen, dass Künstler Ausstellungshonorare erhalten, damit sie nicht immer umsonst arbeiten, sorgen die anstehenden Künstler hier ganz kostenlos für eine riesige Publicity  für die Kunsthalle der Deutschen Bank. Soviel Sendezeit hat die Deutsche Bank noch nie so günstig gekauft. Bitte, das ist kein Vorwurf an die Ausstellungsmacher, sondern eine Kritik an unseren Verhältnissen. Unter diesem Gesichtspunkt ist dieses Schlangestehen nämlich grundehrlich, denn es zeigt, welchen Wert in unserer Gesellschaft Kunst und Künstler haben.

Nun könnte man sagen: wenn sich unter die tausenden Hobbykünstler drei, vier Profis verirren, dann haben diese selbst Schuld und daraus kann man noch kein gesellschaftliches Problem ableiten. Und tatsächlich vermittelt die Medienberichterstattung auch genau diesen Eindruck. Die Texte und Fernsehbeiträge erwecken – meines Wissens ausnahmslos – alle den Eindruck, hier stünden nur Laien in der Schlange.

Hobbykünstler? Laien? Von den Leuten unmittelbar um mich herum haben drei in Leipzig Malerei studiert, einer Medienkunst. Sie kannten sich untereinander nicht alle, diese Häufung war Zufall. Wir sind also schon fünf Berufskünstler auf einem Fleck. Weiter hinten steht ein Meisterschüler von Daniel Richter. Viele weitere Gesichter kenne ich von Ausstellungen: obwohl sie von Galerien vertreten werden, stehen Sie hier stundenlang Schlange. Liebe Journalisten, das Thema war nicht: „Wie putzig, hunderte Laien wollen in die Kunsthalle und stehen dafür stundenlang an“, sondern: „Wie tragisch, hunderte professionelle Künstler haben das nötig!“ Thema verfehlt, setzen sechs!

Ein Fazit: Unabhängig davon, wie die Ausstellung selbst sein wird, schon die Vorbereitung war ein wohl einzigartiges Experiment – für alle Beteiligten: Die Kunsthallenmitarbeiter waren selbst wohl am meisten überrascht, wie groß die Resonanz war, und offenbarten damit eine fast liebenswürdige Naivität. Man muss schon sehr wenig Ahnung von der Situation des Berliner Kunstmarktes haben, um nicht mit diesem Ansturm gerechnet zu haben. Die Journalisten zeigten, wie leicht es doch ist, mit spürbarer Häme an einem ernsten Thema vorbeizuschreiben und zu berichten. Und wir Künstler zeigten in diesem Experiment auf einmalige Weise wie groß unser Druck, auf dem Kunstmarkt beruflichen Bestand zu haben, doch ist und wie wir so nach jeder vermeintlichen Chance greifen müssen.

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Kommentar von Poul R. Weile |

Gut beschrieben - und gute beobachtungen, mein freund. Ich bin auch dabei - übrigens, und habe mir genau dieselbe überlegungen. Meine überzeugen ist dass die gute Kunst sich von das hobbyzeug ausstehen - oder ich hätte längst aufgehört kunst zu machen.. LG

Kommentar von Christoph Knappe |

Die Perspektive des Berufskünstler am Bild der langen Schlange darzustellen, das ist sehr interessant.

Ich male selbst nicht, sondern ich schreibe. Mich hat die Schlange, nach dem ich sie beim Vorbeiradeln am Freitag mit Staunen gesehen habe, enorm inspiriert. Deshalb habe ich gestern einen Bilderrahmen mit Zeitungspapier abgeklebt und mich reingestellt.

Dabei habe ich auch die Gespräche bemerkt, von denen Du erzählst. Entstanden ist bei mir ein literarischer Text über Schlangen und rote Fäden in Gesprächen (siehe hier: anschluss-berlin.de/deutsche-bank-kunsthalle-die-schlange-und-der-rote-faden/).

Ich habe die Aktion selbst und nicht nur das, was die Wartenden in der Hand hatten, als Kunst wahrgenommen. Deshalb fällt mein Fazit sehr positiv aus.

Herzliche Grüße

Christoph Knappe

Kommentar von Birgit Maaß |

Kunst kann etwas bewegen, wie immer der Kunstbegriff definiert sein mag, das Wochenende hat es gezeigt! Neben der eigenen PR und dem der Kunsthalle, dem sozialen Miteinander beim Schlangestehen, Auseinandersetzungen mit dem Thema "Deutsche Bank und deren Geschäfte", Realität des professionellen Künstlers,
Häme der Presse - das schafft so geballt keine Vorabendserie... ohne Casting und Gage bin ich nun Nr.1667 - freiwillig. Heute wurde entschieden den Namen neben die Nummer zu setzen, bei Interesse an die Künstler zu vermitteln, es bewegt sich also weiter! Ich freue mich auf die weiteren Kettenreaktionen des "Experimentes". Steffen, danke für Deinen Bericht.

Kommentar von Corry |

Nummer 404 bin ich. Gut 7 Stunden habe ich am Freitag in der Kälte gestanden. Habe dabei - selten so viel - über mich und meine Leidensgenossen gelacht! - das alles nur für einen kleine Funken Hoffnung wahrgenommen zu werden! Und es stimmt: Es waren sicher sehr viele Professionelle dabei. (Ich wurde am Ende der Schlang aufgenommen mit den Worten: "Wo stellst DU denn normaler Weise so aus?")

Kommentar von Ginkel |

Beim zweiten Termin bin ich auch dabei. Danke für den Bericht mit Blicken aus allen Richtungen.

Kommentar von DerRumMotzer |

es tut mir ehrlich leid, aber ich verstehe euch nicht. nicht nur wird der publikumsgewinner quasi mit einem almosen abgespeist (500,-/monat?? ich bitte euch, normal sind 1500,-, und das bei DEM sponsor, die zweitgrösste bank weltweit), alleine die schiere tatsache der art und weise (wedding-style) dieses "events" als PR-veranstaltung für das grosskapital ist schon mehr als grenzwertig. ob die beteiligten künstler sich benutzen lassen? aber volle kanne! der stellenwert des künstlers an sich wird mit dieser aktion auf eine neue stufe der genügsamkeit und willfährigkeit gehievt, allerdings im negativsten sinne, der sich denken lässt. ich schätze jetzt einfach mal dreist, ihr habt euch schön von eurer eitelkeit verarschen lassen, mit "nötig haben" hat das nur rudimentär zu tun. ich bin auch pleite, aber für diese nummer geb ich meinen stuff nicht her, geschweige mich selbst. steffen, du schreibst auf deiner website was von "In meinen Arbeiten beschäftige ich mich mit politischen und gesellschaftskritischen Themen." und da machst du quasie kostenlose bzw BILLIGSTE werbung für die DEUTSCHE BANK? autsch.

Kommentar von DerRumMotzer |

ich wünsche mir daß das möglicherweise ein heilsamer schock sein wird! vielleicht ist ja jetzt endlich schluss mit der weichgespülten scheisse! ich muss mir da auch an die eigene nase fassen.