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Kunst am Spreeknie 2015 - Am Rand des Wahnsinns flirrt die Kunst

von Steffen Blunk

Sabine Burmester und Steffen Blunk entwickeln bereits zum dritten Mal bei Kunst am Spreeknie ein gemeinsames Projekt. Diesmal laden sie sechs weitere Künstlerinnen ein, mit ihnen die Rathenauhalle 34.1 zu bespielen: jene architektonische Kostbarkeit mit imposantem Glas- und Holzdach, in der vorjährig die eine Hälfte der Zentralstation residierte.
Künstler bewegen sich doch stets am Rand des Wahnsinns, vielleicht war das der Grund für die Titelfindung. In einem Moment vollkommener Müdigkeit und Überarbeitung, wenn es an den Grenzen unserer Sichtfeder zu flirren beginnt, dann flirrt da stets auch die Kunst, sie verschwimmt, wird deutlicher, ruft sich wieder ins Bewusstsein und verspricht wie eine unscharfe Fata Morgana dem Verdurstenden kühlende Linderung. Dass das Produkt dieses künstlerischen Furors ganz handfeste Kunst ist, beweisen die hier zusammengefassten acht Positionen. Ausgesucht wurden – mit einer Ausnahme – KünstlerInnen, die sich an der Grenze der Malerei bewegen.
Katharina Schnitzler ist hier sicher diejenige, die sich am nächsten der klassischen Malerei befindet. Sie schafft ihre Bildwelten durch das Überlagern unzähliger Texturen, Farbschichten, Zeichnungen und Schrift. Ihre Gemälde sind in-stallativ, poetisch, tief, witzig, eng verwoben und dabei brutal und schön zugleich!
Auch Blunk ist zunächst klassischer Maler, er arbeitet mit Öl auf Holzplatten, meist lasierend in einer altmeisterlichen Technik. Zum Grenzgänger wird er, weil er am Ende des Malprozesses zu Stechbeitel und Hammer greift und sein Bildpersonal radikal aus den Bildern entfernt. Zurück bleiben abstrakte Flächen, die den Besucher zum eigenen Fantasieren verführen.
Jutta Kritsch, Künstlerin aus Bremen, bewegt sich auf konträrem Weg zu Blunk. Sie sägt ihre auf Holz gemalten Figuren aus und lässt sie allein im Nichts schweben, kein Raum um sie, der sie auffängt. Zugleich zeigen Burmester/ Blunk von Jutta Kritsch eine installative Arbeit von 30 kleinformatigen Collagen. Von hier ausgehend bewegen sich die künstlerischen Standpunkte immer weiter von der Malerei, wie sie noch immer verstanden wird, fort. Christine de Boom, gelernte Fotografin und studierte Malerin, nutzt großformatige Fotos, auf denen Landschaften an Reisenden vorbeiflirren, um sie mit grobem Pinselstrich zu übermalen. Barbara Gerasch nutzt den Pinsel nicht auf der Leinwand, sondern um Farbe auf dünne Plastikfolie aufzutragen. Ist diese getrocknet, bringt sie sie inversiv auf den Bildträger. Dabei schwelgt sie in abstrakter und konkreter Form, lässt kleinteilige Muster wachsen und stellt so fast wahnhaft ihre Geduld auf die Probe. Sabine Burmester, manchem noch mit ihrer Spinnennetzin-stallation des vergangenen Jahres in Erinnerung, bringt fast alles auf die Leinwand, dessen sie habhaft werden kann. Verrostete Drähte, Metallstücke, Holzspäne, Haare, Staub, Champagnerkreide, es ist eine wilde Malerei, die vollends dem klassischen Vorbild entsagt und schon klar ins Objekthafte hineinragt. Auf einem ihrer Bilder befinden sich übrigens abgeblätterte Lack- und Metallschichten, die sie im letzten Jahr bei Kunst am Spreeknie von den Stahltüren des alten Umspannwerkes abkratzte.
Claudia Vitari greift auf die Kunst der klassichen Zeichnung zurück, bringt diese jedoch auf Glas auf, das nach dem Zeichenprozess erhitzt und zu Quadern oder zu Kugeln geformt wird. Daraus entwickelt sie Schau- und Objektkästen. Schließlich wird der Kunst-Reigen beschlossen durch Tina Heuter, eine Bildhauerin reinsten Wassers. Um Stimmungen, Ausdrücke und Situationen geht es der Künstlerin, ohne sich dabei im Detail zu verlieren. Durch die grobe Oberfläche und eine gekonnten Kombination aus Mimik, Gestik und Haltung, gelingt es Heuter ihre Plastiken Geschichten erzählen zu lassen, ihre Figuren ziehen uns in ihren Bann.
Zur Eröffnung am 8.7. um 19 Uhr werden Beate Gatscha und Gert Anklam ein musikalisches Rahmenprogramm mit Taiko und Saxophon bieten.

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