Pizzateig und Stacheldraht

31 Künstler beleben die stillgelegte Brauerei am Leipziger Dreieck: „Open Art Space“ in 23 Räumen

Die Babypuppe trägt Militärkleidung, hat ein abgetrenntes Bein und steht in einem Raum mit braun-grüner Blümchentapete. Sie singt ,,We will rock you’’. Der Krieg mitten im Wohnzimmer. Steffen Blunks Arbeiten sind eindeutig und schockieren mit ihrer klaren Botschaft. ,,Es soll weh tun. Deshalb arbeite ich mit relativ drastischen Mitteln’’, sagt der Maler, der sich über den Journalismus den Weg in die Kunst bahnte. Ab 9. September wird er seine Werke, die sich gegen Krieg und Gewalt richten, in der ehemaligen Brauerei am Leipziger Dreieck zeigen, in einem der 23 Zimmer des leerstehenden Sozialgebäudes. Alle Räume werden dann für ein Wochenende mit Kunst belegt sein. Insgesamt 31 Künstler aus Rumänien, Frankreich, Costa Rica, der Schweiz, Griechenland, Österreich und Deutschland zeigen ihre Werke im ,,Open Art Space’’.

Blunk steht mit seinen zeitbezogenen, politisch aufrührenden Bildern da eher allein da. ,,Es gibt aber durchaus weitere Werke, die provozieren. Und auch Arbeiten, die man sich gern ins Wohnzimmer hängt’’, sagt der Berliner Künstler, der die Ausstellung mit organisiert hat. Die Bandbreite der gezeigten Werke reicht von abstrakt bis real, die Auseinandersetzung mit Fläche und Farbe fällt sehr unterschiedlich aus. Auch die Materialien könnten verschiedener kaum sein, sie reichen von Teer bis zu Gold und Edelsteinen.

Gefunden wurden die Künstler über eine internationale Ausschreibung. Zum großen Sieb mussten die Organisatoren – neben Blunk vor allem die Projektsprecherin Silvia Kindermann – allerdings nicht greifen. ,,Es sind nicht viel mehr Angebote eingegangen, als wir Räume zur Verfügung hatten.’’ Ein Grund dafür sei sicher die Teilnahmegebühr von 195 Euro, die manche überfordert habe, vermuten die Veranstalter. ,,Wir bekommen aber keine Zuschüsse und stemmen alles komplett aus eigener Kraft. Nur Radeberger sponsert zur Eröffnung einen Kasten Bier.’’

Eine Erfolgsgarantie für den Einzelnen können die Organisatoren natürlich nicht geben. ,,Aber gerade weil alle Galerien jammern, dass es nicht mehr so einfach ist, mit Kunst Geld zu verdienen, müssen Künstler mehr Eigeninitiative ergreifen. Auch wenn wir nichts verkaufen, dafür aber vielleicht drei, vier Kontakte knüpfen, ist es in Ordnung.’’ Ein glücklicher Zufall sei es, dass am Ausstellungswochenende auch die Kunst-Genuss-Tour startet und ,,Open Art Space’’ als Veranstalter mit aufsatteln darf.

Mit Namen wie Neo Rauch oder Markus Lüpertz könnten sie zwar nicht werben, so Blunk: ,,Aber neben Künstlern, die noch am Anfang stehen, haben wir durchaus einige, die schon lange im Metier sind, wie Ute Wöllmann oder die Potsdamerin Birgit Ginkel, über die wir überhaupt erst auf das Objekt gekommen sind, da sie in der zum Verkauf stehenden Brauerei ihr Atelier hat.’’ Als Mann, der sich sein Geld noch in einer Marketingagentur verdienen muss, zunehmend aber mehr von seiner Kunst leben möchte, weiß Steffen Blunk, dass man mit mehr Raum auch mehr Aufmerksamkeit erregt. ,,Deshalb wollten wir das gesamte Gebäude bespielen. Und das sind immerhin 500 Quadratmeter.’’

Potsdam hätten sie in der Vorbereitung als sehr offen erlebt. ,,Es ist doch toll, wenn der Ministerpräsident das Grußwort für eine Ausstellung schreibt, die das erste Mal stattfindet.’’ In Berlin, wo der gebürtige Nürnberger arbeitet, gebe es bereits Kunst satt. ,,Manchmal bekomme ich Einladungen für 40 bis 50 Vernissagen allein an einem Freitag. Zum Schluss gehe ich dann manchmal nirgendwo hin’’, erzählt der 43-Jährige.

Wenn alles klappt, soll das raumoffene Projekt im nächsten Jahr wiederholt werden, auch wenn der Ort noch völlig unklar ist und die Macher im Moment mit ihrer Kraft fast am Ende sind. „Wir haben in den vergangenen Wochen fast Tag und Nacht durchgearbeitet, Einladungen rausgeschickt, am Katalog gefeilt.“

An den eigenen Kunstwerken muss nebenbei ebenfalls noch Hand angelegt werden. Bei Blunk heißt das oft genug auch Pizzateig kneten: einer seiner bevorzugten Materialien. „Teig lässt sich gut formen und backen, ist zudem relativ stabil und doch so zerbrechlich wie ein Körper.“ Der Künstler belegt seine „Pizza“ natürlich nicht mit Salami, sondern mit zerbrochenem Stacheldraht und Patronenhülsen. Und mit Soldatenbriefen aus dem Ersten Weltkrieg. „In denen steht nicht viel anderes als in einem Brief, der in Afghanistan abgeschickt wird: die gleichen Ängste, die gleiche Dankbarkeit für ein paar postalische Zuwendungen.“

Steffen Blunk redet sich fast in Rage, wenn er auf das Thema Krieg zu sprechen kommt. Er kann nicht begreifen, dass Deutsche wieder „aufs Schlachtfeld ziehen“ und den Soldaten Ehrenkreuze verliehen werden: „dafür, dass sie schießen und beschossen werden. Man ist schnell bereit zu sagen, na ja, das ist halt so. Aber wo sind die Proteste von einst, als Massen auf die Straße gingen und gegen die Aufrüstung demonstrierten?“

Es macht ihn zornig, wenn er sieht, dass der Krieg immer mehr in den Alltag integriert wird. Das beginnt mit Videospielen oder sexy Militärklamotten für junge Mädchen. Selbst Babypuppen tragen den Look und singen dazu „We will rock you“. „Und das vor dem Hintergrund, dass einige durch das Öl in Afghanistan reich werden, andere ihr Leben verlieren.“

Schöne Bilder würde Steffen Blunk auch gern malen, „aber das ist für mich noch nicht dran“, so der späte Student der Akademie für Malerei in Berlin, der schon viele Wege gegangen ist. Er war Zeitungsvolontär, arbeitete als freier Journalist, schrieb Kurzgeschichten und leitete auch schon mal einen Fitnessklub.

Die Kunst kam über Nacht auf ihn zu. Er träumte, dass er ein Bild gemalt hatte, ein abstraktes. „Ich hatte es genau vor Augen. Am nächsten Tag kaufte ich mir Farben und Pinsel und hörte nicht wieder auf zu malen.“ Doch das geträumte Bild war nie dabei. Dafür ein Triptychon mit Soldaten und sterbendem Kind. Die Arbeiten sind nicht unbedingt etwas fürs Wohnzimmer. Aber auf der Kunstmesse in Innsbruck kaufte ein Sammler gleich drei „Blunks“. Auch Pizzateig und Stacheldraht trifft Herzen.

Die „Open Art Space“ beginnt am 9. und dauert bis zum 12. September in der ehemaligen Brauerei, Albert-Einstein-Straße 1-9. Geöffnet ist Donnerstag und Freitag von 16 bis 23 Uhr, Samstag von 10 bis 23 Uhr, Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Eintritt frei

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